Kakuma: Anatomie der Lagersicherheit

Flüchtlingslager werden allgemein oft als unsicher und gewalttätig eingestuft. Staatlichen Akteuren, UNHCR und anderen humanitären Organisationen kommt dabei meist die Rolle der Ordnungsstifter zu. Doch auch andere, nicht-staatliche Akteure – nämlich die Flüchtlinge selbst – beteiligen sich daran Sicherheit und Unsicherheit zu schaffen. Das Lager Kakuma ist dafür ein Beispiel.

 

Im europäischen Kontext hat das Wort ‚Flüchtlingslager‘ negative Konnotationen, nicht zuletzt auch in Deutschland. In der gesellschaftlichen Vorstellung stellen Flüchtlingslager nicht selten Orte des Leids und der Unsicherheit dar, in denen selbstbestimmte Menschen zu „nacktem Leben“ reduziert, und zum Warten auf eine unbestimmte Rückkehr in ihre Heimatländer verdammt werden. Darüber hinaus scheinen Flüchtlingslager von Gewalt und Unsicherheit geplagt, dem die Vereinten Nationen und die jeweiligen Gastländer Herr zu werden versuchen. So wurde im Jahr 2014 das jordanische Flüchtlingslager Zaatari, in dem nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) fast 82,000 Syrer leben, in der Presse als das „Ende aller Hoffnung“ bezeichnet.

In Kenia sind seit Jahrzehnten Flüchtlinge, die vornehmlich in Lagern wie Dadaab und Kakuma aber auch in urbanen Zentren leben. Im April 2015, kurz nach dem verheerenden Terroranschlag der somalischen Al-Shabaab auf ein Universitätskolleg in Garissa, verkündete die kenianische Regierung das größte Flüchtlingslager der Welt, Daadab, aus Sicherheitsgründen schließen zu wollen. In Kenia werden Flüchtlinge jedoch schon seit Jahren als potenzielle Terroristen entrechtet und durch staatliche Operationen wie „Usalama Watch“ im April 2014 kollektiv bestraft. Dabei wurden tausende Somalier ohne rechtliches Verfahren verhaftet, systematisch eingeschüchtert und mit Lastwagen in die Flüchtlingslager Dadaab und Kakuma gebracht. In der Berichterstattung zu diesen Lagern fallen scheinbar selbstverständlich Schlüsselbegriffe wie „sengende Hitze“, „traumatisiert“, „Terror“ und „Chaos“. Auch das ist kein Zufall.

 

Kakuma

Der Alltag in Kakuma, das sich in der noch immer strukturschwachen Turkana-Region im Nordwesten Kenias befindet, ist für Flüchtlinge körperlich und seelisch belastend. Dennoch ist das Lager keinesfalls ein ausdrucksloser Ort in dem Erinnerungen, soziales Leben und Eigeninitiative verloren gehen, sondern ist notgedrungen für Generationen von Flüchtlingen zu einem neuen Zuhause geworden.

Kakuma ist mit über 180,000 Menschen eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Es ist ein Paradox, denn es dient seit nunmehr 24 Jahren als ‚temporäre‘ Notlösung zum Schutz der Flüchtlingen aus dem gesamten Horn von Afrika. Nachdem es in den 1990er Jahren Zufluchtsort für zehntausende Südsudanesen wurde, die ihre Heimat aufgrund des Bürgerkriegs verlassen mussten, ist Kakuma heute eine Gesellschaft mit rund achtzehn verschiedenen Nationalitäten und zahllosen Ethnien, die Mehrheit davon noch immer aus dem Südsudan.

Diese enorme Vielfalt ist eine Herausforderung und zugleich Motor der sozio-ökonomischen Entwicklung, wobei dieser Zweiklang im alltäglichen Leben des Lagers deutlich spürbar ist. So bilden die äthiopischen und somalischen Märkte im ältesten und am dichtesten besiedelten Teil des Lagers, Kakuma I, ein Handels- und Geschäftszentrum, in dem sich Menschen aus dem Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Somalia, Burundi und Eritrea als auch mit kenianischen Turkana austauschen können. Mit optimistischem Blick könnte Kakuma daher als Versuchsgelände für gelebten Panafrikanismus gelten. Für Pessimisten hingegen ist es ein sprachliches und kulturelles Babylon, das sowohl von der Regierung in Nairobi, als auch den internationalen Hilfsorganisationen uneingeschränkt kontrolliert und überwacht wird.

Doch beide Sichtweisen sind stark verkürzt. Kakuma ist, wie andere Flüchtlingslager auch, ein Ort der Gleichzeitigkeit und des Widerspruchs. Der Eindruck einer panafrikanischen Praxis in Kakuma wird dadurch relativiert, dass sich politische Rivalitäten scheinbar zu ethnischen Grabenkämpfen entwickeln, und dieser multinationale Ort zum Schauplatz von Konflikten aus den Heimatländern wird. Ein Beispiel hierfür sind die Auseinandersetzungen zwischen südsudanesischen Nuer und Dinka im November 2014, bei denen es etliche Todesopfer gab. Obwohl Kontrollmechanismen wie Bevölkerungszählungen, Essensverteilung, Rationskarten, Ausgangssperren, und Polizeirazzien den Anschein einer absoluten Überwachung geben, ist dies eine Fiktion. Am Beispiel des Sicherheitssektors wird dies sehr deutlich.

Im Hinblick auf die Machtverteilungen in Kakuma erklärt mir der Somalier Omar Abdulrahman [fiktiver Name]:

„Es gibt so viele wundervolle Regeln hier denen sich 70% der Bewohner sowieso widersetzen. Nur 30% versuchen sich wenigstens ein bisschen daran zu halten“ (Interview, Kakuma I, 03.03.2015).

Was Omar feststellt ist fast jedem in Kakuma bewusst. Das restriktive Kontrollregime von Flüchtlingslagern entspricht zwar in den meisten Fällen der Realität, insbesondere wenn Polizisten routinemäßig Passierscheine und Bestechungsgeld von Flüchtlingen verlangen, doch bleibt es oftmals ein Luftschloss. Obwohl Kenia als Gastland und staatlicher Partner vom UNHCR die Hauptverantwortung für Sicherheit in Kakuma trägt, ist der tatsächliche Einfluss der Behörden beschränkt. Schon in den 1990er und Anfang 2000 kontrollierte die Sudanese Peoples Liberation Army (SPLA) weite Teile des Lagers und nutzte dieses sogar als Rückzugsort  für ihre Operationen im Bürgerkrieg gegen die Regierung in Khartoum. Doch scheint Kakuma noch immer de facto administrativ zersplittert zu sein.

 

Sicherheit und Sicherheitsakteure

Neben den vier staatlichen Sicherheitsorganen, der kenianischen Polizei (KP), der Spezial-einheit General Service Unit (GSU), der Polizeireserve (KPR), sowie der paramilitärischen Administration Police (AP), agiert auch eine freiwillige Flüchtlings-Hilfspolizei in Kakuma, die sogenannten Community Peace and Protection Teams (CPPTs). CPPTs werden aus unterschiedlichen Flüchtlingsgemeinschaften rekrutiert und erhalten durch die Lutheran World Federation (LWF) eine Ausbildung sowie eine finanzielle Aufwandsentschädigung. Während CPPTs in der Theorie Brücken zwischen Flüchtlingen, humanitären Organisationen und der Polizei bauen sollen, gestaltet sich dies in der Praxis indes oft schwierig. CPPTs berichten von Polizeigewalt und öffentlicher Demütigung durch kenianische Beamte vor den Augen derjenigen die sie eigentlich beschützen sollen. Auf meine Frage, ob nachts ebenfalls patrouilliert wird, weiß ein CPPT Mitglied nur eins zu sagen:

„Nachts gehen wir nicht raus, das ist viel zu unsicher“ (Kakuma II, 04.03.2015).

Denn es gibt auch andere, die sich zumindest nominell dem Schutz von Eigentum und Leben der Flüchtlinge verschrieben haben und mit den CPPTs konkurrieren. Diese Akteure führen ein Schattendasein in Bürgerwehren, Jugendgangs, Nachbarschaftsverbänden oder als private Nachtwächter, die gesetzlich zwar verboten sind, doch häufig aus Ohnmacht geduldet werden. In einem Lager mit der Einwohnerzahl Rostocks, gibt es für staatliche Akteure und den UNHCR deshalb nur wenige Handlungsalternativen. Die Sicherheitsbedürfnisse der dort lebenden Flüchtlinge, Kriminalität, Selbsthilfe und Korruption sind hier eng miteinander verzahnt. Dabei ist ein geografischer Flickenteppich entstanden auf dem Einflussbereiche und No-Go-Areas zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren ständig neu verhandelt werden.

Berüchtigt sind vor allem zwei dieser nicht-staatlichen, informellen Akteure: ‚Superpower‘ und ‚Niggas‘. Wenn man den Ausführungen der CPPTs und anderer Flüchtlinge Glauben schenkt, dann ist erstere eine mafiaähnliche Organisation, die ihren Ursprung in Eastleigh hat, dem mehrheitlich somalischen Stadtteil Nairobis. Ein ranghoher CPPT Offizier aus der somalischen Gemeinschaft in Kakuma erklärte mir, dass ‚Superpower‘ sich zeitweise nach Kakuma absetzen, um der strafrechtlichen Verfolgung durch die Behörden in Nairobi zu entgehen. Sie scheinen ausgebildet, gut vernetzt und äußerst gefährlich. Die ‚Niggas‘ hingegen verstehen sich als eine Art Sammelbegriff für südsudanesische, meist Nuer-dominierte Jugendgangs die klangvolle Namen wie YMCMB, G-Black, One Blood und Westcoast tragen, und die sie der US-amerikanischen Hip Hop-Kultur entliehen haben. Bei Wiederaufflammen des südsudanesischen Bürgerkriegs im Dezember 2013 flohen viele dieser Jugendlichen nach Kenia, um Krieg, Gewalt und der möglichen Zwangsrekrutierung durch Regierung oder Rebellen zu entgehen.

Eine Einordnung solcher Gangs scheint jedoch äußerst problematisch, auch deshalb weil ihre Macht- und Aufgabenbereiche nicht fest abgesteckt sind, sondern einem stetigem Wandel und Neuausrichtung unterliegen. So haben sich im November 2014, während der gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Nuer und Dinka, verschiedenste Abspaltungen der ‚Niggas‘ zusammengeschlossen, um ihre eigenen Nachbarschaften und Familienclans vor rivalisierenden Jugendgangs der dort lebenden Dinka zu schützen. Paradoxerweise waren dieselben Jugendlichen zuvor auch als Schläger, Kleinkriminelle und Unruhestifter verschrien. Durch den Konflikt hatten sich existierende Allianzen und das Selbstverständnis der Gangs verschoben. Der Ethnologe Dennis Rodgers hatte in Nicaragua bereits den umgekehrten Fall beobachten. Dort entwickelten sich Bürgerwehren zu Gangs, wurden also „böse“.

Auch wenn einige dieser Gruppen als Bürgerwehr auftreten und Selbstjustiz praktizieren, ist ihr Rückhalt in der Bevölkerung nicht zu überschätzen. Im Vergleich zu den CPPTs haben sie einen entscheidenden Vorteil: Sie werden weder mit der Polizei – die allgemein als korrupt und unzuverlässig gilt – noch mit dem UNHCR in Verbindung gebracht. Der Sicherheitssektor in Kakuma ist somit komplex und von Gleichzeitigkeit geprägt. Dabei werden Schlüsselkonzepte wie Legitimität, Schutz und Verantwortung von unterschiedlichen Akteuren beansprucht: u.a. der kenianischen Polizei, den CPPTs, verschiedensten Jugendbanden sowie Bürgerwehren die sich zuweilen gegeneinander, aber auch gemeinsam gegen Staatsgewalt und Verwaltung des Lagers behaupten wollen. Staatlichkeit und die damit verbundenen Leistungen sind nicht das Vorrecht eines einzelnen Akteurs, sondern eingebettet in eine multilaterale Praxis von vielen. Auch Überschneidungen sind keine Seltenheit. Einige CPPT Mitglieder werden regelmäßig aus dem Dienst entlassen, weil sie gleichzeitig für eine der Gangs oder als Kleinkriminelle in illegale Aktivitäten verwickelt sind. Den dortigen kenianischen Polizeibeamten wird zudem der Vorwurf gemacht, sie würden das Gesetz systematisch gegen entsprechende Bezahlung biegen oder einfach wegschauen.

 

Chancen und Risiken

Die nahezu uneingeschränkte Kontrolle der Flüchtlinge durch humanitäre Organisationen und den staatlichen Sicherheitsapparat sind in Kakuma sowie anderswo eine Illusion. Dennoch sind Bewegungsunfreiheit, Kriminalität und Gewalt ein tagtägliches, strukturelles Problem. Sicherheit ist in Kakuma nicht nur eine Dienstleistung, mit der Flüchtlinge vom kenianischen Staat versorgt werden (sollen). Vielmehr schaffen einzelne Nachbarschaftsverbände, Bürgerwehren, Jugendgangs und private Nachtwächter Räume, in denen sie sich selbst organisieren, um sowohl zum Nutzen als auch zwangsläufig zum Leidwesen ihres Umfelds Macht auszuüben. Angesichts der anhaltenden Kriminalisierung von Flüchtlingen in Kenia, bleibt es indes abzuwarten, ob die Selbstorganisation von Flüchtlingen in Kakuma nicht vielleicht Möglichkeiten bietet, um ein gewisses Maß an Schutz und Selbstbestimmung zu gewährleisten. Der Weg dahin scheint jedoch steinig.

 

 

Die Feldforschung in Kakuma, auf der dieser Text teilweise beruht, wurde mir durch Forschungsmittel des British Institute in Eastern Africa (BIEA) ermöglicht. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle nocheinmal sehr herzlich bedanken.

 

 

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