Fluchthilfe für WissenschaftlerInnen – Eine moralische Falle?

Mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen hat sich die Zahl hoch qualifizierter Asylsuchender vervielfacht, die vor ihrer Flucht in Forschung und Lehre arbeiteten. Damit stehen die europäischen Hochschulen vor der strukturellen Herausforderung, eine hoch qualifizierte und international anschlussfähige Berufsgruppe kurz- bis mittelfristig in die eigene Institutionen- und Förderlandschaft zu integrieren. Welche Maßnahmen gibt es und wie lässt sich Flüchtlingshilfe mit einem Anspruch an wissenschaftliche Standards vereinen?

 

Aktuelle Zahlen darüber, wie viele Hochschulangehörige und Studierende sich unter den Geflüchteten befinden, sind schwer zu bekommen. Das an der New York University angesiedelte Netzwerk Scholars at Risk (SAR) hat sich der Aufgabe verschrieben, Menschenrechtsverletzungen und die gezielte Verfolgung von Forschenden zu dokumentieren. Der Academic Freedom Monitor ist eine Art Frühwarnsystem, das willkürliche Eingriffe in die Freiheit von Forschung und Lehre beobachtet und öffentlich macht. Das Netzwerk stützt sich dabei auf Korrespondenten, die als sogenannte „lead researchers“ studentische Forschungsteams anleiten. Sie beobachten alle Weltregionen und ordnen Fälle von Verfolgung nach sechs Schweregraden (Mord, Gewaltanwendung und Verschwinden; Gefangenschaft; Verfolgung; Entzug der akademischen Position; Reisebeschränkungen und andere).

So wichtig dieses Monitoring und besonders die damit verknüpften Kampagnen zugunsten verfolgter WissenschaftlerInnen sind, bilden die seit Jahresbeginn beispielsweise für Nordafrika belegten fünf Fälle nur die Spitze des Eisbergs. Die überwiegende Mehrheit von Forschenden und Studierenden bleibt dagegen unsichtbar, die aufgrund von Bürgerkrieg und Terror ihre Länder verlassen. Das zeigt auch ein Blick auf die die Türkei einschließende Region „Western Asia“, für die SAR seit Jahresbeginn fünf Fälle nachgewiesen hat (Stand vom 29. Mai 2016), dies allerdings vor dem Hintergrund von Verhaftungen, Suspendierungen und eines laufenden Disziplinarverfahrens gegen mehr als 1.100 türkische WissenschaftlerInnen, nachdem diese im Januar mit der Petition „We Will not be a Party to this Crime“ die türkische Regierung aufgefordert hatten, die Gewalt gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Südosten der Türkei zu beenden.

 

Maßnahmen und Initiativen

Auch in Deutschland reagierten wissenschaftliche Einrichtungen auf die wachsende Zahl von WissenschaftlerInnen auf der Flucht. Es gibt eine Vielzahl lokaler Initiativen wie das an der Universität Leipzig angesiedelte Netzwerk Chance-for-Science. Soziales Netzwerk für geflüchtete und in Deutschland lebende Wissenschaftler, Akademiker und Studierende, das deutsche und ausländische WissenschaftlerInnen einlädt, in einen persönlichen und fachlichen Austausch zu treten. Während sich diese Initiative an alle Geflüchtete mit akademischen Hintergrund richtet, legte der DAAD unter dem Titel „Flüchtlinge an Hochschulen“ jüngst eine Reihe von Programmen auf, die ausschließlich geflüchtete Studierende adressieren. Parallel dazu will das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Integration von Studierenden mit Fluchthintergrund mit einem 100 Millionen Euro schweren Paket fördern.

Um die Förderung verfolgter WissenschaftlerInnen kümmert sich die im Dezember 2015 lancierte Philipp Schwartz-Initiative. Dieses von der Alexander von Humboldt-Stiftung in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt und einer Reihe privater Stiftungen durchgeführte Programm richtet sich an Forschungseinrichtungen und Hochschulen, die zweijährige Stipendien für eine/n WissenschaftlerIn beantragen konnten. Anfang Juni wurden nun 23 Stipendien an 18 Hochschulen vergeben und die Humboldt-Stiftung plant für Juli 2016 eine zweite Ausschreibung.* Die Philipp Schwartz-Initiative orientiert sich an vergleichbaren Programmen ihrer angloamerikanischen Kooperationspartner, dem britischen Council for At-Risk Academics (CARA) und dem US-amerikanischen Scholar Rescue Fund des Institute of International Education (SRF) in New York. Der 2002 während des dritten Golfkriegs ins Leben gerufene SRF vermittelt WissenschaftlerInnen vorzugsweise an US-Universitäten, wobei die dafür aufgelegten Stipendien zu gleichen Teilen vom SRF und der gastgebenden Institution finanziert werden. Ähnlich wie der SRF organisiert CARA die Flucht akut bedrohter WissenschaftlerInnen und ermöglicht diesen die Fortsetzung ihrer Forschung an einer britischen Universität, auch hier auf Basis einer Mischfinanzierung. Während der SRF die temporäre Aufnahme an Gastuniversitäten favorisiert in der Hoffnung, dass die Geflüchteten nach wenigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren können, verfolgt CARA eine diversifizierte Strategie: Neben der temporären Unterbringung unterstützt die Organisation auch Forschende, die angesichts anhaltender Konflikte keine Perspektive auf Rückkehr haben. Parallel dazu legte CARA 2006 ein Irak-Programm und 2009 das Zimbabwe-Programm für WissenschaftlerInnen auf, die trotz akuter Gefährdung in der Region bleiben wollten.

 

Nothilfe und Wissenschaftlichkeit – eine heikle Verbindung

Alle Organisationen nehmen historische Anleihen an Hilfsprogrammen aus den 1930er und 1940er Jahren als Reaktion auf den Nationalsozialismus. CARA geht auf den 1933 gegründeten Academic Assistance Council zurück, der bis 1945 ungefähr 1.500 Wissenschaftlern bei der Ausreise aus Deutschland und später aus Mitteleuropa, Frankreich und Spanien half. Das den SRF tragende Institute of International Education (IIE) wurde 1919 mithilfe des Carnegie Endowment for International Peace gegründet. War der Auftrag 1919 Nothilfe für Studenten und Wissenschaftler aus den ehemaligen osmanischen Gebieten, gewann im Verlauf der 1920er Jahre der Gedanke einer Friedenssicherung durch wissenschaftliche und studentische Austauschprogramme die Oberhand, bis 1933 mit dem Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholar wieder Fluchthilfe für Wissenschaftler eine zentrale Rolle spielte. Der für die Humboldt-Initiative namensgebende Philipp Schwartz gründete nach seiner Vertreibung von der Universität Frankfurt die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland. Diese Selbsthilfeorganisation mit Sitz in Zürich half verfolgten Kollegen beim Finden einer neuen Position im Ausland und wurde bekannt durch die Vermittlung von über 30 Wissenschaftlern an die neu gegründete Universität Istanbul.

Stipendienprogramme wie das der Humboldt-Stiftung sind ein wichtiges Zeichen gegenüber Öffentlichkeit und Forschung, auch wenn 23 Stipendien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein können.* Problematisch ist indes die Verknüpfung von Nothilfe und Wissenschaftlichkeit, wie sie in dem Programm angelegt ist: Ausreise und Fortsetzung der Forschung in einem sicheren Umfeld sind an eine Bewerbung geknüpft, die auf einem Forschungsvorhaben für den Zeitraum des Stipendiums beruht, einer wissenschaftlichen MentorIn sowie einer gastgebenden Universität, die durch die Antragstellung die Relevanz des Forschungsprofils für die eigene Institution anerkennt, das die betroffenen WissenschaftlerInnen mitbringen. Der SRF wendet ein ähnliches Verfahren an: Politische Verfolgung ist zwar notwendige Voraussetzung für einen Stipendienantrag, die Förderung macht der SRF allerdings von der Publikationsliste und der Bereitschaft einer Universität abhängig, Gelder aus dem eigenen Budget für die verfolgten WissenschaftlerInnen bereitzustellen.

Ein diachron vergleichender Blick zeigt die moralischen Zwickmühlen, die eine solche Verknüpfung von Gefährdung mit einem Bewerbungsprozedere mit sich bringt. Im Fall des Emergency Committee erhielten die überwiegend von der Rockefeller Foundation finanzierten Stipendien oftmals Wissenschaftler, die bereits zuvor von der Stiftung im Rahmen eines 1917 ins Leben gerufenen, internationalen Stipendienprogramms gefördert worden waren. Zum einen gewannen damit fachwissenschaftliche Netzwerke an Bedeutung, die heute in einem auf Europa und Nordamerika konzentrierten Wissenschaftsbetrieb nur aufwändig zu knüpfen sind. Zum anderen verweist uns das historische Beispiel auf die übergeordnete Bedeutung von anderen Kontexten als dem der humanitären Hilfe, die damals wie heute eine Rolle spielen. Bei WissenschaftlerInnen handelt es sich um eine hoch spezialisierte und mobile Berufsgruppe, die nur mit einem gewissen Aufwand wieder in Arbeit gesetzt werden kann. Entsprechend avancieren individuelle Qualifikation und die Chancen auf einem internationalen, kompetitiven Arbeitsmarkt reüssieren zu können, zu zentralen Parametern bei dem Versuch, Perspektiven in einem sicheren Zufluchtland zu geben. Historisch sehen wir, dass dies bei WissenschaftlerInnen besser gelang, die bereits vor der Zwangsmigration eine professionellen Regeln folgende Mobilität an den Tag legten und so in der Lage waren, transnationalen Beistand in Form von Kontakten, Gutachten und Fördermöglichkeiten zu aktivieren.

 

Engagierte Wissenschaftspolitik statt Fluchthilfe

Was bedeutet dies für gegenwärtige Hilfsmaßnahmen? Viele Forschende, die sich aufgrund einer politisch prekären Lage für Migration entscheiden, kommen aus Regionen, deren Bildungs- und Wissenschaftslandschaft strukturell benachteiligt ist. Was sich historisch mit dem Nachwirken der Kolonialzeit erklären lässt, wird gegenwärtig durch Verfahren zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen wie Impact-Faktoren oder kostenintensive Zeitschriftendatenbanken verschärft. Hier ist die Wissenschaftspolitik gefordert, den Zugang zu fachwissenschaftlichen Netzwerken weniger exklusiv zu gestalten, zum Beispiel durch den Ausbau von open access-Strategien. Dies würde es Forschenden aus politisch instabilen Regionen mit einem unterfinanzierten Bildungssystem erlauben, frühzeitig Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen in Europa zu knüpfen, die im Notfall schnell aktiviert werden können.

Verstehen wir also Zwangsmigration von WissenschaftlerInnen als Phänomen, das eng mit etablierten Mustern akademischer Mobilität verknüpft ist, erscheinen Nothilfeprogramme in einem anderen Licht, deutlich weniger ad hoc als vielmehr langfristigen strukturellen Entwicklungen geschuldet und einem kalkulierbarem Regelwerk folgend. CARA, der Council for Assisting Refugee Academics zollte dem 2014 mit einer Namensänderung in Council for At-Risk-Academics Rechnung mit der Begründung, dass sich viele der geförderten WissenschaftlerInnen zwar in Gefahr befänden, sich aber nicht als Geflüchtete, sondern als temporär im Ausland lebende und arbeitende WissenschaftlerInnen verstehen. Die Europäische Kommission verfolgt denselben Ansatz mit der Initiative Science4Refugees. Diese an geflüchtete WissenschaftlerInnen gerichtete online-Plattform versammelt Stellenangebote an europäischen Hochschulen mit dem Argument, dass nur eine neue Anstellung den Geflüchteten eine langfristige Perspektive sichern kann.

 

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(c) Barry Silver

 

*Aktualisiert am 07.06.2016

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