Eine Forschung über Flüchtlinge? In Deutschland?

Was soll denn Flüchtlingsforschung sein? Und brauchen wir sie in Deutschland? Diese Fragen wurden mir in den vergangenen Jahren häufig gestellt und nachstehend finden Sie meine Antwort. Tatsächlich gibt es seit einigen Jahren Entwicklungen hin zu einer hiesigen Flüchtlingsforschung. Bevor ich jedoch darauf eingehe, warum sie wichtig ist, sollten wir uns zunächst einige Trends der globalen und deutschen Flüchtlingssituation vergegenwärtigen.

 

Internationale Trends sind verheerend. Laut UNHCR gab es 2013 weltweit

Das sind mehr als 83 Millionen Menschen, was ungefähr der Bevölkerung von Deutschland und Slowenien entspricht und ca. 1,14% der Weltbevölkerung darstellt. Und die Zahlen werden weiter steigen.

Die meisten Flüchtlinge und Binnenvertriebene befinden sich in Entwicklungsländern, wo sie häufig in Flüchtlingslagern untergebracht werden. Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge sind in Langzeitsituationen mit einer durchschnittlichen Dauer von 20 Jahren gefangen. Unabhängig davon, wie lange Flüchtlinge in Lagern leben müssen, sie erhalten dort zwar Unterstützung von Hilfsorganisationen, ihre Lebensgrundlagen sind aber limitiert. Flüchtlinge erfahren häufig Unsicherheit, können nicht arbeiten oder sich frei im Gastland bewegen, leben auf beengtem Raum und sind abhängig von externer Hilfe.

(c) UNHCR/ J. Brouwer/ August 2011
(c) UNHCR/ J. Brouwer/ August 2011

In Deutschland gibt es zwar keine Flüchtlingslager, aber auch hierzulande wird von prekärer Unterbringung  berichtet, weil die Zahlen der Asylanträge steigen. Vor allem seit dem Bootsunglück bei Lampedusa im Oktober 2013, bei dem viele Flüchtlinge ertranken, ist der mediale Aufschrei groß und die Politik überfordert – aber gezwungen zu reagieren. Doch was tun mit den ‚Bootsflüchtlingen‘? Während Italiens Mare Nostrum bis Oktober 2014 Rettungsaktionen für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer durchführte, übernahm Frontex mit der Operation Triton im November 2014 die Abschirmung Europas. Denn: einerseits beklagte Italien mangelnde Hilfe der EU, und andererseits habe Mare Nostrum „als Brücke nach Europa“ angeblich zu einem Anstieg der Flüchtlinge beigetragen. So zumindest der deutsche „Bundes-Innen-Minister“ de Maizière.

Und nun? Frontex schirmt Europa weiterhin ab. UN und EU beklagen grausame Schleuser. Der Menschenhandel an Europas Mittelmeergrenzen boomt. Die Mühlen der EU mahlen nach wie vor langsam. Die Bundesregierung richtete Syrien-Konferenzen aus. Der Bundesentwicklungsminister setzt auf humanitäre Hilfe und die Bekämpfung von Fluchtursachen. Der Bundesaußenminister will Flüchtlingen in Erstasylländern helfen, würdigt das ehrenamtliche Engagement in Deutschland und verurteilt Pegida. Der Bundesinnenminister möchte Auffanglagern für Flüchtlinge in Nordafrika errichten und das BAMF bekommt 300 neue MitarbeiterInnen. Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident sprechen in ihren Jahresabschlussreden über Flüchtlinge und die CSU möchte Flüchtlinge schneller abschieben können. Und die Flüchtlinge selbst? Sie fragt man selten, aber ihnen wird ja geholfen…

Was hat das mit Forschung zu tun?

Die Flüchtlingsforschung – oder konkreter die Zwangsmigrations- und Flüchtlingsforschung – konzentriert sich auf die wissenschaftliche Untersuchung u.a. rechtlicher, politischer, sozialer, geographischer und kultureller Aspekten der Zwangsmigration. So erklärt sich, dass die Flüchtlingsforschung multi- und interdisziplinär ist und u.a. die Soziologie, Politik-, Geschichts- oder Rechtswissenschaft, Ethnologie, Wirtschaftswissenschaften, Geographie, Kultur- und technische Wissenschaften oder medizinische Wissenschaftsfelder umfasst.

Durch Forschungserkenntnisse können einige der oben genannten Entwicklungen erläutert werden.

Politikwissenschaftliche Studien untersuchen bspw. politische Prozesse und Strukturen. So kann erklärt werden, dass der Flüchtlingsschutz exilorientiert, flüchtlingszentriert und reaktiv ist, und durch politische Eliten – häufig Staaten – geleitet wird. Das zeigt sich u.a. in der Polarisierung nördlicher Geber- und südlicher Aufnahmeländern – global wie auch in Europa.

Historische Studien untersuchen bspw. Entwicklungen der Zwangsmigration. Sie zeigen, dass Fluchtbewegungen zur Menschheitsgeschichte gehören, z.B. Völkerwanderungen. Als das moderne Staatensystem im 17. Jahrhundert entstand, wurden Flüchtlinge mit Ad hoc-Individualentscheidungen behandelt, was bei der Massenvertreibung im 1. und 2. Weltkrieg nicht mehr möglich war. Neue Ansätzen und Lösungen sowie staatliche Kooperation waren nötig. So wurde 1951 das Abkommen über die Rechtstellung der Flüchtlinge und 1967 das Protokoll geschaffen, die den Flüchtlingsschutz bis heute völkerrechtlich rahmen.

Soziologische Studien untersuchen bspw. gesellschaftliche Prozesse. Damit kann u.a. gezeigt werden, warum und wie soziale Bewegungen wie Pegida und gesellschaftliche Ausgrenzungsprozesse stattfinden, und wie sie spannungsbehaftete mit Gruppendynamiken im Zusammenhang stehen.

Rechtswissenschaftliche Studien untersuchen bspw. die völker- oder öffentlich rechtliche Rahmung des Flüchtlingsschutzes. Sie zeigen u.a. wie sich WirtschaftsmigrantInnen und Flüchtlinge unterscheiden. Zudem setzen sie den rechtlich definierten Schutzraum – das Asyl – mit dem internationalen Schutz in Verbindung und prüfen, ob internationale Standards in der nationalen Rechtspraxis integriert sind.

Friedens- und Konfliktforschung untersucht bspw. wie sich Kriege gesamtgesellschaftlich auswirken, wovor Betroffene häufig fliehen. Es kann u.a. erklärt werden, dass die Tendenz der Langzeitsituationen von Flüchtlingen in Lagern damit verbunden ist, dass die Rückführung von Flüchtlingen in Heimatländer zwar die präferierte Lösung seitens der Politik ist, die Konflikte aber lang andauern, weswegen eine Rückkehr nicht kurzfristig möglich ist.

Psychologische Studien untersuchen bspw. die Auswirkungen traumatischer Kriegserlebnisse auf (fliehende) Personen. Sie zeigen u.a., dass viele Flüchtlinge unter Traumafolgestörungen leiden, und dass die unsicheren Strukturen in Flüchtlingslagern zu neuen Traumatisierungen oder Retraumatisierungen führen können.

Wirtschaftswissenschaftlich Studien untersuchen bspw. den Umgang mit Gütern auf verschiedenen Ebenen. Obgleich Flüchtlinge keiner Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen sein sollten, werden sie doch häufig als abhängige und hilfsbedürftige Gruppen verstanden. Studien zeigen aber, dass sie weder Lasten für Asylländer noch ökonomisch isoliert sind.

Ingenieurswissenschaftliche Studien untersuchen bspw. technische Konstruktionen und Produkte und erarbeitete Neuerungen. Diese Studien sind u.a. für die humanitäre Versorgung, sanitären Anlagen oder Schaffung von Unterkünften im Flüchtlingsschutz bereichernd.

Die Forschungserkenntnisse werden in der Flüchtlingsforschung nicht nur in den Fachdisziplinen, sondern vielmehr interdisziplinäre genutzt. Wie? Das wird in den folgenden Blogbeiträgen praktisch gezeigt werden.

Flüchtlingsforschung in Deutschland

In Deutschland steckt die Flüchtlingsforschung noch in Kinderschuhen, obwohl sie bereits seit den 1980er Jahren im angelsächsischen Raum wissenschaftlich fest verankert ist. Mehrere Zentren existieren allein in England – u.a. in Oxford, Ost-London, Lancaster und Kent. Zudem gibt es eine Reihe etablierter internationaler Fachzeitschriften wie z.B. Refugee Studies Journal, Refuge, International Journal of Refugee Law, Refugee Survey Quarterly oder Forced Migration Review. In Deutschland gibt es solche Angebote bisher nicht. Einige WissenschaftlerInnen forschen zwar auch hierzulande zum Thema, allerdings vornehmlich unabhängig voneinander.

Doch brauchen wir eine Flüchtlingsforschung in Deutschland? Ja, ich denke das tun wir – und das nicht nur, weil es ein hochaktuelles Themenfeld weltweit und auch in Deutschland ist.

Es gibt eine hohe politische und praktische Relevanz. Die Flüchtlingsforschung kann Beiträge zum Verständnis von Lebensbedingungen, Bedarfen und Möglichkeiten – ohne geopolitische Färbung – liefern. Und die Flüchtlingsforschung hat den normativen Anspruch, Erkenntnisse in die Praxis zu tragen.

Es gibt eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Die Flüchtlingsforschung kann Beiträge zum Verständnis und der Verständigung von gesellschaftlichen Prozessen leisten und darüber aufklären, dass Flüchtlinge weder nationale Sicherheitsgefahren noch ökonomische Probleme darstellen. Sie sind geflohene Personen mit völkerrechtlichem Anspruch auf ihre Rechte.

Es gibt eine hohe wissenschaftliche Relevanz. Die Flüchtlingsforschung ist als multi- und interdisziplinäres Feld in der deutschen Wissenschaftslandschaft vernachlässigt. Da die Wissenschaft und Forschung von sich gegenseitig befruchtenden Diskursen und Diskussionen lebt,  braucht es dafür Raum und Austausch.

Einen ersten Vorstoß für den Austausch und die Etablierung des Forschungszweigs in Deutschland wurde mit dem Netzwerk Flüchtlingsforschung geschaffen. Das Netzwerk vereint Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich den Themen Zwangsmigration, Flucht und Asyl widmen. Dieser Blog soll dem weiteren Austausch dienen. Im Blog werden die AutorInnen kürzere analytische Beiträge über Forschungsergebnisse, aktuelle Debatten oder historische Entwicklungen darlegen. Dadurch versuchen wir einen Spagat zwischen den akademischen Diskursen und  öffentlichen Debatten zu meistern.

 

Der Beitrag ist im Rahmen des  Forschungsprojekts „Genderbeziehungen im begrenzten Raum. Bedingungen, Ausmaß und Formen von sexueller Gewalt an Frauen in kriegsbedingten Flüchtlingslagern“ entstanden, das am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg durchgeführt und durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung unterstützt wird, bei der ich mich hiermit vielmals bedanke.

 

Photo Credits:

(c) Ulrike Krause / March 2014

(c) UNHCR/ J. Brouwer/ August 2011

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